Tradingpsychologie - so denken und handeln die Profis by FinanzBuch Verlag

Tradingpsychologie - so denken und handeln die Profis by FinanzBuch Verlag

Author:FinanzBuch Verlag
Language: ara, deu
Format: epub
Publisher: FinanzBuch Verlag
Published: 2012-09-12T16:00:00+00:00


Sinnlose Ängste

Oftmals werden zahlreiche Lebensbereiche eines Menschen durch sinnlose Ängste eingeschränkt. Das passiert am häufigsten durch eigene Erfahrungen, die gemacht werden (Konditionierung) und/oder durch Beobachtungen anderer (lernen am Modell). Sieht ein Kind etwa, wie die Mutter immer wieder übertrieben große Angst vor Spinnen hat, wird das Kind diese Spinnenangst mit großer Wahrscheinlichkeit von der Mutter übernehmen (erlernte Angst). Da man vor Spinnen in der Regel keine Angst haben muss, ist diese Angst sinnlos.

Fasst ein Kind auf eine heiße Herdplatte und verbrennt sich dabei die Finger, wird es vermutlich künftig Angst vor Herdplatten haben (Konditionierung). Geht man jedoch sorgsam mit heißen Herdplatten um, braucht man keine Angst vor Herdplatten zu haben. Diese Angst ist also eine sinnlose Angst, weil Herdplatten an sich nicht gefährlich sind und somit auch keine Angst verursachen müssen.

Auf das Thema Trading übertragen bedeutet dies, dass ein Trader eigentlich keine Angst vor Verlusten haben müsste. Zumal dann nicht, wenn das Geld­risiko sinnvoll gewählt ist. Dennoch führen Geldverluste immer wieder zu Ängsten und damit verbunden zu Fehlverhalten. Folglich kann sich rasch eine Negativspirale entwickeln, die zu noch größeren Verwerfungen beim Trading führen. Ein Beispiel: Sie traden ein gutes Einstiegssignal. Die Chance Gewinn zu Verlust liegt bei 5:1. Sie könnten also das Fünffache von dem gewinnen, was Sie verlieren könnten. Sie werden bei dem Trade ausgestoppt, steigen aber erneut wieder ein, weil das Signal noch Sinn macht. Was richtig ist, da die Chancen ja die gleichen geblieben sind. Dann werden Sie ein zweites Mal ausgestoppt. Nun verlässt Sie der Mut, ein drittes Mal das Signal aufzunehmen, und ignorieren das Setup. Ihr Gedanke hierzu ist: »Ach, das wird sowieso nichts! Ich will hier ja nicht einen Minus-Trade nach dem nächsten machen. Da habe ich ja bald kein Geld mehr auf dem Konto!« Bei diesem Gedanken spüren Sie eine unbestimmte Angst. Dieses Gefühl bestätigt Sie unbewusst darin, das Richtige zu tun. Sie ignorieren das Setup und Ihre Angst löst sich auf. Einige Zeit später sind Sie neugierig und wollen wissen, was aus Ihrem Einstiegssignal geworden ist. Zu Ihrer Überraschung stellen Sie fest, dass der dritte Trade etwas geworden wäre. Sie hätten tatsächlich das Fünffache mit diesem Trade verdienen können. Sie ärgern sich und riskieren bei Ihrem nächsten Trade das Doppelte, um so Ihre entgangenen Gewinne unbewusst wieder zurückzuholen. Denn der Mensch neigt in unsicheren Situationen dazu, irgendetwas tun zu wollen, und sei es noch so unsinnig. Dadurch fühlt er sich besser, denn Handlungsunfähigkeit ist für ihn kaum auszuhalten.

Ich habe viele Jahre als Therapeut in einem Fachinstitut zur Angstüberwindung gearbeitet. Die meisten Menschen, die ich therapeutisch begleitete, litten unter sinnlosen Ängsten. Eines zeigte sich dabei ganz deutlich: Alle hatten nicht wirklich Angst vor den Situationen oder Gegebenheiten, mit denen sie im Institut vorstellig wurden. Sie kamen z. B. wegen Flugangst, Brückenangst, Angst vor Tiefe, Angst vor Höhe, Angst, mit dem Auto zu fahren, oder Angst, sich in Menschenmengen zu begeben. Viele hatten auch Angst vor den Aufenthalten in Einkaufszentren oder Supermärkten. Andere wiederum davor, Präsentationen und öffentliche Reden zu halten. Auch Angst vor schweren Krankheiten oder Angst, Entscheidungen treffen zu müssen, war oft die erste Diagnose.



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